Warum viele gut gemeinte Gespräche dann doch im Streit enden

Sicher kennst du das auch – du hast dir fest vorgenommen: „Das nächste Gespräch mit meinem Partner führe ich sachlich und klar. Ich werde nicht gleich laut und ich gebe mir wirklich diesmal Mühe, nicht gleich eingeschnappt zu sein„.

Doch ehe du dich versiehst, rutschst du beim ersten Gegenargument wieder in dein altes emotionales Muster. Die Diskussion wird immer lauter und heftiger und alles endet schließlich darin, dass du nachts um drei völlig erschöpft ins Bett fliehst. Eine Klärung eurer Inhalte ist wieder nicht in greifbare Nähe gerückt und so langsam fühlt es sich nicht mehr gut an.

Was nun?

Wenn Paare zu mir in die Praxis kommen sind die meisten genau an diesem Punkt angekommen. Zwei Menschen sitzen mir ratlos gegenüber. “ Ich will mich ja eigentlich gar nicht streiten, aber es geht nicht. An irgendeinem Punkt kippt es, und dann werde ich doch wieder emotional.

Beide wirken unendlich erschöpft und ratlos.

Falls du auch schon mal in einer ähnlichen Situation warst, ist dieser Blogartikel was für dich. Ich starte den Versuch, dir heute einmal auch mit Hilfe der Neurowissenschaft darzustellen, WARUM du im Streit reagierst, wie du reagierst und was du beim nächsten Mal einfach mal anders machen könntest. Allein vom Lesen wird es nicht besser. Und glauben solltest du mir auch kein Wort-deshalb prüfe es immer auf die Wirkung …;-)

Der Aufbau eines Gehirn

Gehirn Aufbau mit Beschriftung

Das menschliche Gehirn unterscheidet sich in seinem Aufbau nicht wesentlich von den Gehirnen anderer Wirbeltiere. Die Gliederung des Gehirns erfolgt in fünf große Abschnitte:

  • Großhirn
  • Zwischenhirn
  • Kleinhirn
  • Mittelhirn
  • verlängertes Rückenmark (Nachhirn)

Zwischenhirn, Kleinhirn, Mittelhirn und das verlängerte Rückenmark haben sich bereits bei Reptilien bzw. bei frühen Säugetieren herausgebildet. Dort sitzt unsere Kommandoschaltzentrale. Alles lebensnotwendige wird von dort aus gesteuert. Und das ganz unwillkürlich – vegetativ – also vollautomatisch.
Das Zwischenhirn ist das oberste Regulationszentrum des vegetativen Nervensystems. Es überwacht Funktionen wie Atmung, Appetit- und Durstempfinden, aber auch die Ausschüttung der Hormone wird von hier aus gesteuert. Eine wichtige Aufgabe des Mittelhirns ist die Steuerung des Schlafs. Das Kleinhirn ist für alle motorischen Abläufe unseres Körpers (Koordination) verantwortlich. Das verlängerte Rückenmark ist ein Reflexzentrum und ist beispielsweise für Speichelfluss, Husten oder Erbrechen zuständig.

Das Großhirn nimmt den größten Anteil des Gehirns ein – circa 80 % des Gehirnvolumens. Das Großhirn ist für die höheren Gehirnfunktionen wie Lernen, Denken und Verstehen zuständig. Es ist der entwicklungsgeschichtlich jüngste Teil des Gehirns.

Die Physiologie menschlicher Reaktion auf Bedrohung

„Was hat nun das Gehirn mit mir oder meinem Partner zu tun?“ wirst du dich vielleicht fragen.

Warte ab. Ich erklär‘ s dir gleich.

Stell dir mal folgende Situation vor: du bist draußen in freier Wildbahn unterwegs und plötzlich taucht aus dem Nichts ein Löwe auf. Unwillkürlich wird dein inneres Alarmsystem aktiviert. Entweder du läufst weg, oder du kämpfst oder du stellst dich tot. Wahrscheinlich wirst du nicht darüber groß nachdenken, sondern eher aus einem Instinkt heraus reagieren.

Unsere erste Verteidigungsstrategie gegen Verfolger, Angreifer oder Gefahrenquellen besteht meistens in aktiver Abwehr: sich ducken, ausweichen und sich zurückziehen, sich abwenden… Die geläufigste Reaktion vor potentiellen Verfolgern besteht darin, dass du vor ihnen fliehst oder gegen sie kämpfst, wenn du siehst, dass du stärker bist oder dieser versucht, dich festzuhalten. Neben den bekannten Reaktionen von Kampf und Flucht gibt es noch eine dritte, weniger bekannte Reaktion auf Bedrohungen: die Erstarrung.

Drohende Gefahr

Zurück in deine Küche. Zurück zu deinem Gespräch.

Du unterhältst dich mit deinem Partner  – anfangs noch in einem ruhigen Ton. Doch irgendwann kippt die Stimmung. Ihr findet einfach keinen Konsens. Verzweiflung, Hilflosigkeit, aber auch Wut und Ohnmacht schweben über euch. Und jetzt kommt euer Gehirn mit ins Spiel: ab jetzt wird es immer bedrohlicher.

Unwillkürlich, unbewusst laufen ab jetzt all die gleichen Mechanismen ab, wie beim Anblick des Löwen. Dein autonomes Nervensystem erweitert deine Pupillen und du fixierst genau dein Gegenüber, dein Mund wird trocken und du kannst kaum noch reden, dein Herzschlag ist beschleunigt und dein Gesicht knallrot, dein Blutdruck steigt und du hörst das Rauschen in deinen Ohren, deine Atmung ist erhöht und du wirst stetig lauter, während dein Körper Tonnen an Adrenalin und Noradrenalin ausschüttet. DENKEN ist ab jetzt nicht mehr konstruktiv möglich!!!!

Ab jetzt greifen andere Mechanismen. Je höher der Stress, je primitiver die Reaktionen. Dabei stellt primitiv in diesem Kontext nicht die gebräuchliche Bedeutung dar, sondern zeigt auf den primitiven Anteil unseres Gehirns – unser Reptilienhirn.

Ab jetzt heißt es: entweder Kampf oder Flucht, oder auch Erstarren.

Ab jetzt ist Denken nicht mehr möglich. Es kommt schlichtweg nichts mehr davon in deinem Großhirn an. Solange du dich in einer gefühlten Bedrohung befindest, ist dies unmöglich!!! Also ist ab jetzt jedes Weitermachen SINNLOS!!!!! Absolut sinnlos. Es kann euch ab jetzt NUR NOCH SCHADEN. Ihr müsst euch erstmal wieder neutralisieren und jeder sich selbst regulieren.

Das ist der wichtigste erste Schritt, wenn du wirklich an einer Klärung und Veränderung eurer Kommunikation interessierst bist ( und das du das bist zeigt mir, dass du bis hierher gelesen hast).

Wenn es dir gelingt, dich in eine Beobachtungsposition zu bringen, aus der heraus du wie in Vogelperspektive auf euch und dich herunter schauen kannst und du spürst, dass du entweder wie oben beschrieben in Wut (Kampf) gerätst, oder wenn du spürst, du willst eigentlich nur noch weg (Flucht) oder du dicht machst dann sei dir bewusst: du fühlst dich bedroht und dein Körper reagiert auf diese gefühlte Bedrohung. Deshalb ist alles, was du fühlst nicht falsch, sondern darin begründet. Dein Körper ist also auf deiner Seite. Du solltest dir also keine Vorwürfe machen, warum du immer wütend wirst, oder eingeschnappt abhaust… es ist dein instinktives Verhalten auf eine vermeintliche Bedrohung.

Selbstregulierung

Das Mittel zur Wahl und die einzige Möglichkeit, ein Gespräch im optimalen Gefühl von Sicherheit zu führen ist, dass du und dein Partner euch selbst reguliert. Selbstregulierung hängt von einer freundschaftlichen Beziehung zu unserem Körper ab.

Ohne sind wir auf externe Regulierung angewiesen:

  • Medikamente
  • Drogen
  • ständige Beruhigung im Außen
  • Anklammern

Ressourcen

Um dich selbst zu regulieren kannst du dir Ressourcen zu nutze machen, die dein Nervensystem stabilisieren:

  • gehe dort hin, wo du dich sicher fühlst
  • hole dir Unterstützung
  • knüpfe Kontakt zu Verbündeten
  • nehme dir Zeit, um dich auf etwas einzustellen

Den Zugang dazu findest du über:

  • angenehme Erinnerungen
  • Gefühle
  • innere Bilder
  • positive Erfahrungen

Anzeichen für Aktivierung kennenlernen

Hier kannst du mit Personen, deines Vertrauens eine kleine Übung ausprobieren:

A erkundet:

  • Woran merken andere, dass ich in Stress komme?
  • Wie verändert sich meine Art? = Kontakt zu machen, = meine Bedürfnisse wahrzunehmen, = mich zu bewegen, = etc.

Im Austausch: B und C beschreiben in ihrer Rückmeldung die eigene Resonanz und das wahrnehmbare Verhalten bei A

  • Atem
  • Anspannungsmuster
  • Mimik, Gesichtsfarbe
  • Gestik

Muster verändern

Um gewohnheitsmäßige Muster zu verändern, also in dem Fall, wie du auf eine gefühlte Bedrohung beim Streit reagierst, solltest du die körperlichen – bislang unbewussten – Schleifen ändern. Das kannst du aber erst, in dem dir bewusst wird, wie du reagierst.

Auf jede Erfahrung, die wir in unserem Leben gemacht haben, reagiert unbewusst noch heute ein gespeichertes Netzwerk in uns. Denk nur mal daran, wie du auf einen bestimmten Duft oder ein bestimmtes Geräusch reagierst. Wenn du Kuchen so liebst wie ich, wirst du beim Anblick eines leckeren Kuchen dementsprechend reagieren. Magst du Vogelgezwitscher, wirst du darauf reagieren. Und nun schau mal, wie.

Was macht dein Herzschlag?

Was deine Atmung, wenn du an die Vögel denkst?

Wie sind deine Muskeln?

Wie ist das Gefühl von Raum?

Genau so kannst du dir eine Situation in Erinnerung rufen, in der du dich bedroht fühltest? Wie reagierst du darauf?

Schreibe dir dies alles ruhig einmal auf und im nächsten Blogpost erzähle ich dir dann, wie ihr damit ein Gespräch erfolgreich führen könnt.

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Ein schönes sonniges Frühlingswochenende – mit viel Freude beim Erkunden!

 

Kathrin

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