Warum zu viel Nähe und zu viel Distanz eine Partnerschaft unmöglich macht

Während draußen langsam der Sonntag zum Leben erwacht und die langersehnte Sonne ihre ersten Strahlen durch die Baumkronen schickt, genieße ich die Stille des frühen Morgen. Alle schlafen noch und es ist genau diese Zeit , die ich aufsauge wie ein trockener Schwamm. RUHE. Friedliche Ruhe. Niemand der etwas von mir will. Niemand, der etwas von mir braucht. Ich kann meinen eigenen Gedanken nachhängen, kann mir meinen Kaffee machen und mein frisches Obst dabei essen, ohne das mich irgendjemand oder irgendetwas dabei stört. HERRLICH!!

Mehr als 1 Jahr Corona steckt auch mir in den Knochen. Homeschooling, Homeoffice und mein ganz eigener normaler Arbeitsalltag hier in der Praxis zehren an mir. Wir haben das ganz ganz große Privileg, dass wir keinerlei existenzielle Auswirkungen haben. Mein Mann hat seinen sicheren Job, meine Praxis wird mit Anfragen überrannt und gesundheitlich hat Corona zum Glück um uns und all unsere Familienmitglieder einen großen Bogen gemacht.

Dennoch spüren wir alle die Folgen des Corona Jahres. Die Zündschnur bei allen ist extrem kurz. Um so wichtiger, dass ich den Hintergrund – also das, was sich psychodynamisch da bei uns und so vielen anderen abspielt, kenne und weiß, wie man da gegensteuern muss, damit es nicht kippt und wir uns alle an die Gurgel gehen.

Denn das Menschen sich bei zu viel Nähe leicht über werden, ist eher normal als fragwürdig. Schon früher gaben es Statistiken bekannt, dass Paare und Familien sich vor allem im Urlaub am meisten streiten. Das Corona Jahr hat viele an ihre Grenzen gebracht. Doch auch schon vorher tat es keinem Paar gut, wenn es entweder zu viel Nähe oder zu viel Distanz hatte.

Dieser Beitrag ist der Versuch , der Dynamik zwischen Zweien auf den Grund zu gehen. Denn, sobald wir uns mit einem Menschen in eine Beziehung begeben, kommt es automatisch zu zwei unterschiedlichen Polen. DU und ICH.

Die 2 polige Wechselwirkung in der *Dyade

(*Paar als soziale Einheit)

Frage ich Paare zu ihrer Anfangsgeschichte höre ich nicht all zu selten diese Anekdoten:

“ Er war unglaublich lustig und aktiv. Er hat sich immer was Neues einfallen lassen und immer war was los. Wir haben immer ganz viel unternommen. Mit ihm wurde es nie langweilig.“

„Sie war mein Fels und stand mit beiden Beinen schon mitten im Leben. Sie hatte diese unglaubliche Ausstrahlung von Ruhe und Eleganz. Alles schien ihr leicht zu fallen und ihr Erfolg gab ihr Recht. Sie war der Ausgleich zu meiner stressigen Arbeitswelt. Kam ich nach Hause war es ruhig und ich konnte endlich abschalten. Das war magisch.“

Oft ist es gerade das Andere des Anderen was uns zu Beginn einer Liebesgeschichte anzieht. Seine Lebendigkeit, ihre Stille und Ausgeglichenheit machen, dass wir gefühlt „unsere bessere Hälfte“ gefunden haben. Endlich ganz sein erklärt die Faszination dieser Dynamik. Wir finden Sinn in dem, wer und wie wir sind. Wir werden gelobt und geliebt für eben dieses andere.

Doch gibt es auch das Gleiche. Manchmal treffen sich zwei die sich so ähneln, dass ich nicht selten höre: „Wir sind wie seelenverwandt. Er versteht mich blind. Ich muss weder was sagen noch ihm viel erklären.“

In meiner Arbeit sehe ich drei Konstellationen von Paardynamiken, mit verschiedenen Merkmalen:

  1. Gleiche Pole = Autonom + Autonom
  2. Unterschiedliche Pole = Autonom + Bindung
  3. Gleiche Pole = Bindung + Bindung

Autonom in diesem Kontext bedeutet, der Partner möchte neben der Zeit mit dem Partner auch viel Zeit außerhalb der Partnerschaft, sei es im Beruf, oder im Hobby oder mit Freunden… verbringen

Bindung in diesem Kontext bedeutet, der Partner verbringt sehr viel Zeit mit dem Partner und legt darauf seinen Schwerpunkt

Was passiert nun innerhalb dieser 3 Konstellationen?

  1. Konstellation autonom/ autonom: beide Partner haben einen großen Freundeskreis, Hobbys oder eine Karriere, auf die ein sehr großer Fokus gerichtet ist
  2. Konstellation Autonom/Bindung: ein Partner will noch viel Zeit außerhalb der Partnerschaft verbringen, der andere wünscht sich viel Zweisamkeit mit dem Partner
  3. Konstellation Bindung/ Bindung: beide verbringen jede freie Minute mit dem anderen, teilen alle Hobbys, Freundeskreis…

Was Partnerschaft braucht, damit sie gelingen kann

Wissenschaftler fanden heraus – und diesen Eindruck gewinne ich jeden Tag auch in meiner Arbeit – das Paare den Wechsel brauchen und dies maßgeblich zum Gelingen einer Beziehung beiträgt. Das bedeutet, dass sich beide abwechseln in der Polarität. Mal ist der eine der Bindungsgebende, mal der Andere. Mal ist der eine der, der beruflich mehr eingespannt ist, mal der andere.

Was bedeutet es im Fall der Konstellation Autonom / Autonom?

Beide sind stark außerhalb der Partnerschaft beschäftigt und es findet wenig Nähe und Bindung statt. Dies führt oft dazu, dass mir Paare in der Praxis gegenüber sitzen, die mir folgendes schildern: „Eigentlich haben wir alles. Wir sind finanziell frei und unabhängig und konnten beide Karriere machen. Unsere Kinder sind toll und eigentlich könnte es uns gut gehen. Nur leider haben wir uns im Laufe der Zeit aus den Augen verloren“ (Während sie mir dies erzählen hatten beide das Smartphone auf dem Tisch neben sich liegen und irgendwann rief auch mal das Au Pair Mädchen an und fragte, ob das jüngste Kind in den Pool darf).

Was bedeutet es im Fall der Konstellation Bindung / Bindung?

Beide sind stark auf die Partnerschaft fixiert. Freunde werden im Laufe der Zeit immer unwichtiger. Es findet kaum noch etwas außerhalb der eigenen 4 Wände statt. Diese Paare haben oft ein fast symbiotisches Verhältnis, dass eher an Mutter und Kind, Vater und Kind erinnert. Diese Paare kommen oft mit sexuellen Schwierigkeiten in die Praxis. Durch die enge Bindung erleben sie den anderen nicht mehr als DEN ANDEREN. Das ICH verschwindet zum WIR . Durch die Symbiose gibt es gefühlt! kein erwachsenes Gegenüber mehr und der ödipale Konflikt macht Sexualität fast unmöglich. Hier kommt es nicht selten dazu, dass einer der beiden die Autonomie im Außen in Gestalt eines der-die-das Dritten sucht. Manchmal ist es eine Affäre, manchmal der Sturz in die Arbeit, aber manchmal auch Alkohol oder Drogen, die gesucht werden, um unbewusst wieder die Balance zwischen Autonomie und Bindung herzustellen.

Wenn sich beide auf dem jeweils eigenen Pol fixieren

In der Praxis erlebe ich sehr oft, dass sich im Laufe der Zeit die Partner auf einen Pol fixieren. Das geschieht zum Beispiel, wenn Kinder ins Spiel kommen und damit Geschlechterrollen – wie die Mutter bleibt zu Hause, der Vater geht weiterhin arbeiten – greifen.

Durch die verteilten Rollen fixieren sich beide – anfangs eher rein zufällig. Im Laufe der Zeit spüren beide die Unzufriedenheit und die Sehnsucht nach dem jeweils anderen gelebten Pol. Dies klingt dann zum Beispiel so: „Ich bin so froh, wenn ich mal was anderes mache als Lego Türme baue oder Barbie Puppen bade. Ich freue mich so sehr darauf, wenn ich wieder arbeiten kann und mein eigenes Geld verdiene.“

„Wenn ich am Abend nach Hause komme, hat meine Frau keine Lust mehr auf mich und wir finden nicht mehr zueinander, weil sie so gestresst ist. Ich höre dann oft von ihr: Nicht du auch noch – ständig will einer was von mir.“

Dann sucht der eine Autonomie und der andere Bindung. Doch durch die Fixierung auf den Polen gelingt es nicht. Sie sind quasi besetzt. Fatal ist in dem Zusammenhang auch, sobald einer anfängt mehr nach Autonomie zu rufen, der andere anfängt zu klammern und umgekehrt. Meist erkennen sich diejenigen selbst nicht wieder: „Ich war nie so ein Klammeraffe. Aber jetzt erkenne ich mich kaum wieder.“

Kommt es zur Fixierung der Pole ist es wie früher auf der Wippe. Wie blöd war es, wenn einer einen oben „verhungern“ ließ. Spaß hat das ganze nur dann gemacht, wenn es immer abwechselnd ging – mal war der eine oben, mal der andere.

So ist es ist auch in der Partnerschaft. Partnerschaft lebt von der Balance zwischen Nähe und Distanz. Wir brauchen die Nähe um uns verbunden zu fühlen und wir brauchen die Distanz, um mit dem eigenen Lebenspuls in Kontakt zu bleiben.

WER BIN ICH OHNE DICH … muss beantwortet werden.

Aber ebenso muss die Sehnsucht nach Verbundenheit und Sicherheit versorgt werden, damit ZWEI EINS WERDEN UND DENNOCH ZWEI BLEIBEN.

In diesem Sinne beende ich nun vollen Herzens mit einem guten Kontakt zu meinem Lebenspuls diesen Beitrag und widme mich meiner Bindungssehnsucht zu meiner Familie!

Schönen Sonntag Euch!

 

 

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