GEHEN ODER BLEIBEN -WENN DER STRESS IN DER BEZIEHUNG ZU GROß WIRD

Durchschnittlich tragen Menschen in problematischen oder unglücklichen Beziehungen ihre Trennungsgedanken rund drei Jahre lang mit sich herum. Gehandelt wird meist erst dann, wenn der Zustand im wahrsten Sinne des Wortes untragbar geworden ist. Denn die Entscheidung, fortan getrennte Wege zu gehen, ist ebenso schwer wie ihre möglichen Folgen: Manchmal verliert ein Partner nach der Trennung seinen Versorger und damit seine wirtschaftliche Lebensgrundlage. Oder es stehen Umzüge, Jobwechsel oder Sorgerechtsdebatten wegen der Kinder an. Wer das nicht nur in Kauf nimmt, sondern sogar für die einzige (und darum beste) Möglichkeit hält, dessen Beziehung muss sich schon gründlich zerrüttet anfühlen.

Wer darüber nachdenkt, sich einem Eheberater oder Paarberater anzuvertrauen, sollte das idealerweise tun, so lange die Trennungsgedanken noch nicht übermächtig geworden sind. Die besten Chancen, eine Beziehung oder Ehe zu retten, hat ein Paar dann, wenn die Vorstellung einer dauerhaften Trennung sich noch deutlich wie ein Plan B anfühlt.

Wenn der Gedanke, sich zu versöhnen und wieder glücklich miteinander zu leben, für beide noch attraktiv ist, lässt er sich in den meisten Fällen auch realisieren. Das Wiederherstellen der verlorengegangenen Nähe und das „Reparieren“ einer angeschlagenen Beziehung kann viel Arbeit bedeuten, doch so lange die Partner einander noch lieben und respektieren, lohnt sich der Aufwand in jedem Fall.

In diesem Beitrag unternehme ich den Versuch, die Phasen einer Trennung und die möglichen Stressreaktionen daraus zu erläutern. Denn jedem Trennungsgedanken geht eine Reihe von Reaktionen voraus. Diese zu kennen und möglicherweise bei sich selbst zu erkennen macht es leichter, die Zusammenhänge mancher Reaktionen zu verstehen.

Wenn wir in Stress geraten, reagieren wir in der Regel sehr schnell und automatisch mit einer sogenannten Stressreaktion. Evolutionär betrachtet eine schlaue Funktion der Natur, um unser Überleben zu sichern.

Die vier Stressreaktionen- Kampf, Flucht, Einfrieren und Einschmeicheln

Kampf und Flucht sind wahrscheinlich die zwei bekanntesten Stressreaktionen (kennst Du vielleicht noch aus dem Biologie-Unterricht: Säbelzahntiger und so…). Unser Körper stellt in einer als bedrohlich wahrgenommenen Situation jede Menge Energie zur Verfügung und bereitet das System innerhalb kürzester Zeit optimal darauf vor, die Gefahr entweder abzuwehren oder davor zu fliehen.

Ist beides nicht (mehr) möglich, weil beispielsweise der Bär dir schon verdammt nah in den Nacken atmet, geht der Körper in die Erstarrung – auch Freeze oder Einfrieren genannt. Er stellt sich tot, in der Hoffnung, dass der Angreifer das Interesse verliert und/oder wir die Schmerzen zumindest nicht spüren müssen.

Pete Walker, Therapeut und Experte im Bereich Trauma, hat darüber hinaus noch eine vierte Reaktion benannt: Das Einschmeicheln.

Erlebt ein Kind wiederholt, dass die anderen drei Reaktionen nicht erfolgreich sind, es sich dadurch also nicht in Sicherheit bringen kann, sondern im Gegenteil die Gefahr vielleicht noch verstärkt wird, versucht es (unbewusst), die Person, von der die Bedrohung ausgeht, für sich zu gewinnen. Die eigenen Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse fallen dem Überleben zum Opfer. Das Kind unterwirft sich, dient dem anderen und sorgt für dessen gute Laune. So soll (unbewusst) der eigene Wert für den anderen gesteigert und somit die Chance aufs Überleben gesichert werden. Dieses Muster ist dann auch im Erwachsenenalter häufig noch zu beobachten.

Die Folgen von Stress in deiner Beziehung

Wenn du dich in deiner Beziehung im Stress befindest und dieser über deine Maße geht, kommt es mitunter zu folgenden Verhaltensweisen, die zeigen, dass dein Gehirn und damit dein System versucht, diesem Stress einen Gegenpol zu erschaffen. Etwas, was deiner Selbstregulation dienen soll.

Kampf (Fight)

Die intrinsische Motivation liegt darin, Sicherheit durch Angriff herzustellen.

Häufige Verhaltensweisen sind dann lange Monologe, kritisieren und korrigieren des Partners und/oder der Umstände, es werden übermäßige Forderungen gestellt, es kommt zu Einschüchterungen, Stärke wird demonstriert, der Partner wird durch Sarkasmus, Zynismus erniedrigt und Wutausbrüche bis hin zu Gewalt runden das Spektrum dann ab.

Flucht (Flight)

Es wird der Versuch unternommen, sich der stressigen Situation zu entziehen.

Häufig wird dabei ein Flüchten in permanentes Denken beobachtet. Ebenso wie Gedankenspiralen kommt es gehäuft zu Geschäftigkeit und Aktionismus. Die Betroffenen „stürzen“ sich in die Arbeit, auf die Kinder, haben eine Affäre oder entziehen sich der stressigen Situation durch Alkohol und Drogen.

Erstarrung (Freeze)

Der Versuch, Sicherheit durch Vermeidung bzw. Nicht-Spüren herzustellen (sich tot stellen).

Häufige Vermeidungsstrategien sind jede Form der Dissoziation (Alltagsbewusstsein wird abgespalten). Es kommt immer häufiger zu Tagträumereien und Rückzug in die eigene Fantasiewelt. Betroffene wirken apathisch und äußern sich in sofern, dass sie „nichts fühlen oder spüren“. Stundenlanges auf dem Sofa „abhängen“ wird immer wichtiger. Es folgen Depression, Starre, sozialer Rückzug, Isolation und letztlich die Unfähigkeit, Entscheidungen.

Einschmeicheln (Fawn)

Sicherheit wird versucht durch Gefallen und Unterwerfung herzustellen.

Typische Verhaltensweisen sind eine hohe Anpassung an den Partner. Die Betroffenen versuchen alles, um sich beim Partner beliebt zu machen – einschmeicheln, dienen, für gute Laune sorgen, den Entertainer spielen, „Ja“ sagen, Konflikte um jeden Preis vermeiden, nicht „zu viel“ sein wollen, eigene Wünsche und Bedürfnisse negieren sind klassische Verhaltensmuster.

Der Wunsch nach Sicherheit

All diesen Reaktionen sind in ihrem kern darauf ausgerichtet, die Sicherheit wieder herzustellen und das eigene Überleben zu sichern. Keine der genannten Reaktionen ist also per se schlecht, sondern eigentlich das Gegenteil: Sehr wichtig!

Falls du dich nun an der einen oder anderen Stelle wieder erkennst und du nun denkst, du bist ein Feigling oder ein Taugenichts oder ein Schwächling – oder sogar ein Psycho, dann empfehle ich dir, zunächst an dieser Stelle anzuerkennen, dass du mit all deinen Reaktionen versuchst, dir ein Gefühl von Sicherheit zurück zu gewinnen.

Du solltest dir an dieser Stelle mehr Mitgefühl schenken, anstatt dich dafür zu verurteilen.

Zum Problem wird es erst dann, wenn du automatisch in Verhaltensweisen fällst., die der Situation vielleicht gar nicht (mehr) angemessen sind und/oder eine der Reaktionen ist so übertreiben, dass andere oder du selbst davon Schadenträgst.

Wie immer, spielt also auch hier das Maß eine große Rolle. Es ist daher durchaus sinnvoll, sich diese häufig unbewusst ablaufenden Muster und auch deren Ursprung mal vor Augen zu führen, um immer schneller mitzubekommen, wenn du wieder in einer solchen Reaktion steckst. Du kannst dann überprüfen, ob das gerade eine angemessene und zielführende Verhaltensweise ist oder ob du vielleicht über das Ziel hinaus schießt und/oder mal ein anderes Verhalten ausprobieren möchtest. Dadurch gewinnst du Handlungsfreiheit und einen großen, schöpferischen Einfluss auf dich und dein Beziehung!

 

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