BEVOR WIR ANFANGEN, MÜSSEN WIR LOSLASSEN

Durch die Corona-Krise befinden wir uns plötzlich mitten in einer Gefahrenzone: Das öffentliche Leben wird eingeschränkt, Grenzen werden dicht gemacht, der Katastrophenfall wird ausgerufen und Millionen Kinder können nicht mehr zur Schule gehen. Wir erleben eine Krise, die bei vielen Angst und Panik schürt. Ein diffuses Bedrohungsgefühl, weil wir nicht genau wissen, wie es weiter gehen wird. Das ist eine Urangst des Menschen – die Angst vor dem Unbekannten. Wir wissen nicht, wie lange das alles dauern wird, welche Konsequenzen die Krise mit sich bringt. Es ist dieses unbehagliche Gefühl, dass wir als einzelner Mensch keine Kontrolle haben. Das ist der Zustand, der am meisten Angst auslöst.

Damit du in der nächsten Zeit ruhig bleiben kannst, schreibe ich dir ein paar Inspirationen auf, die aus meiner Sicht gerade jetzt wichtig sind.

Wie so oft beginne ich gerne mit einer kleinen Geschichte.

DER HOHE BERG

Vor dem Haus eines alten Mannes ragt ein hoher Berg. Der Berg nimmt ihm das Licht, das er sich zum Leben wünscht. Was tut er? Er fängt an, nimmt Hacke, Schaufel und Schubkarre und beginnt, den Berg abzutragen. Die Nachbarn fangen an zu lächeln und zu spotten: „Jetzt ist er ganz verrückt geworden, der Alte!“ Er sagt: „Wartet nur, ich werde das schon schaffen, Schaufel für Schaufel, Karre für Karre.“ „Das schaffst du doch nie!“, sagen die Nachbarn. Er darauf: „Vielleicht habt ihr Recht. Aber wenn ich es nicht schaffe, dann werden meine Söhne weitermachen; wenn die es nicht schaffen, deren Söhne – irgendwann ist der Berg abgetragen.“ Die Legende mündet in dem Satz: „Als Gott im Himmel dieses Vertrauen sah, da schickte er zwei Engel, die den Berg auf ihren Flügeln davontrugen.“

Du weißt nichts mit dir anzufangen

Dieser alte Mann fängt einfach an! Er hat ein Anliegen, trägt eine Sehnsucht nach Licht in sich, spürt die Herausforderung – und fängt an, Schaufel für Schaufel. Der Mann fängt an. Und ich denke daran, wie viele Menschen wissen jetzt in dieser Zeit nichts mit sich selbst anzufangen, wissen nichts mit ihrer Zeit, nichts mit ihren Fähigkeiten und Begabungen anzufangen – und darum fangen sie nichts an. Doch wenn du nichts anfängst, dann erschöpft es dich, dass du nicht anfängst, weil vieles unerledigt liegen bleibt. Vielleicht kennst du dieses Sprichwort: „Unerledigtes erledigt mich!“

Nicht anfangen lässt den Berg immer höher werden, anstatt dass er abgetragen wird. Lustlosigkeit greift um sich und Nostalgie: „Früher, als ich noch konnte!“ Warum kann ich denn jetzt nicht mehr, wer sagt das denn?

Es fängt immer etwas an – fange Ich an?

Nicht wenige wissen nichts anzufangen mit sich selbst, mit ihrer Zeit, mit ihren PartnernInnen, mit ihren Kindern. Gleichzeitig fängt immer etwas an: der Tag fängt an, die Woche fängt an, das Jahr fängt an, der Film fängt an, die Musik fängt an, – es fängt immer etwas an! Meine Herausforderung gerade jetzt ist es, dass ich dieses Anfangen nicht einfach nur geschehen lasse, sondern zu MEINEM Anfangen mache, dass ICH anfange. Tue ich das nicht, lebe ich nicht, sondern werde gelebt. Das Leben geht an mir vorbei, wird zu einer Anhäufung, verpasster Chancen, zu einer Ansammlung ungelebten Lebens. Schade drum! Denn diese Zeit ist das unsichtbare Geschenk von etwas, dessen Bedeutung ich erst in seinen leisesten Tönen erahnen kann.

Erfüllende Anfänge, Anfänge, die Lust bereiten und weiterbringen, leben davon, dass ich anfange. Sie leben vom ICH, oder sie leben gar nicht. Die Faszination des Anfangens ist, dass ich anfange, dass ich mit meiner Art, mit meinen Gaben, mit dem, was mir gegeben ist, dem Anfang Gesicht gebe und Motor bin.

Sehnsucht – Motor des Anfangens

Von Exupéry stammt das Wort: „Wenn du ein Schiff bauen willst, suche nicht Holz und Handwerker, sondern suche Männer, die die Sehnsucht nach dem weiten Meer im Herzen tragen.“ Die einen sitzen mitten zwischen Stapeln von Holz und machen Frühstückspause. Die anderen haben nichts – fangen an zu suchen – und bekommen das Schiff fertig. Die Sehnsucht ist der Motor, der mich anfangen lässt.

Sehnsucht – die Kraftquelle des Loslassens

Sehnsucht gibt auch die Kraft, das zu tun, ohne das du nicht anfangen kannst: loslassen. Ich kann nur anfangen, wenn ich loslassen kann, sonst komme ich nicht vom Fleck. Ich komme nicht in den Tag, wenn ich das Bett nicht loslassen kann. Ich komme nicht an die Arbeit, wenn ich das Frühstück und die Zeitung nicht loslassen kann. Ich komme nicht zum Feierabend, wenn ich die Arbeit nicht loslassen kann. Ich komme nicht in die Zukunft, wenn ich die Vergangenheit nicht loslassen kann. Kann es sein, dass es in unserer Welt so viel Erstarrtes gibt, weil wir nicht loslassen können, wo die Anfänge vor uns liegen? Ich ahne, dass für viele das Loslassen schwerer ist als das Anfangen.

Der Anfänger – ein Mensch der Sehnsucht

Wenn du und ich jetzt „Anfänger“ sein und bleiben wollen, entscheidet sich das daran, ob es uns gelingt, Menschen der Sehnsucht zu sein. Ich spüre, dass sich heute viele Menschen mit der Sehnsucht schwer tun.  Wir müssen lernen, dass die Sehnsucht nicht zum „immer mehr“, sondern zum „immer weniger“ drängt, dass „Loslassen“ nicht Leben raubt, sondern Leben schenkt und erst den Weg freigibt, neu anzufangen.

Das Landen ist schwieriger als das Abheben

Viele von uns sind schon mit einem Flugzeug geflogen. Manch einen, der in ein Flugzeug steigt, beschleicht ein mulmiges Gefühl, wenn die Maschine startet, die Triebwerke aufheulen, das Flugzeug sich langsam in Bewegung setzt, zur Startbahn rollt, immer mehr Fahrt aufnimmt, die Reisenden fest in ihren Sitz presst, und dann plötzlich ist alles Ruckeln und Zuckeln vorbei und das Flugzeug steigt in den Himmel auf.

Inzwischen können wir Menschen zum Mond fliegen, Flugsonden zum Mars senden, oder gar eine Raumstation in 350 Kilometern Höhe montieren. In anderen Forschungsbereichen werden rasante Fortschritte gemacht z.B. in der Medizin oder in der Nachrichtentechnik.

Viele Menschen treibt zeitweise eine scheinbar nicht zu stoppende Unruhe um, nach dem Motto: immer schneller, immer höher, immer weiter, immer größer, immer mehr. Wir Menschen werden manchmal getrieben von der Gier nach mehr Reichtum, mehr Macht, mehr Lust, mehr Haben – wollen, koste es, was es wolle, gar das Leben vieler Menschen, die ausgebeutet werden, damit einige Wenige, immer mehr und mehr haben und gut leben können.

Doch wer bewahrt die Menschen, auch dich und mich davor, den Lebenspuls immer rastloser, immer ruheloser, immer schneller schlagen zu lassen? Wer oder was sorgt bei uns für neue Bodenhaftung, wenn wir allzu sehr abgehoben sind?

Bei einem Flugzeug ist dies auf den ersten Blick einfacher. Es kommt immer wieder auf die Erde zurück – so oder so.

Doch das Landen – so sagen die Fachleute – ist schwieriger als das Abheben.

Um den schnellen Flug zu verlangsamen, fährt der Kapitän kurz vor der Landung Klappen an den Flügeln aus. Diese Klappen erhöhen den Luftwiderstand und bremsen das Flugzeug auf ca. 230 Stundenkilometer ab.

Damit jedoch ein Überschallflugzeug nach der ersten Berührung mit der Landebahn nicht über diese hinausschießt und zerschellt, werden die Triebwerke auf Umkehrschub geschaltet.

Nur wenn die Triebwerke genau entgegengesetzt arbeiten als beim Starten, ist es möglich, ein tonnenschweres Flugzeug wieder heil auf die Erde zu bringen. Hierbei verschlingen die Triebwerke riesige Mengen an Energien, ähnlich dem Verbrauch beim Starten.

Was hat das alles mit Corona zu tun?

Corona ist der Umkehrschub für die Menschheit, damit diese in ihrer Überheblichkeit des immer Höher hinaus nicht eines Tages wie aus allen Wolken fällt und am Boden zerschellt.

Corona ist der Umkehrschub gegen die Vergötterung des Egoismus mit all seinen Auswüchsen, der dem Leben mehr schadet, als das er nützt.

Wie bei einer Flugzeuglandung die Landeklappen und der Umkehrschub helfen, dass das Flugzeug sicher an seinem Bestimmungsort ankommt, so hilft uns diese Corona Krise als Umkehrschub, dass wir unsere Bestimmung des Lebens nicht verpassen. Du hast in den nächsten Wochen die Chance, über dich selbst hinaus zu wachsen. Vorbild zu sein oder zu werden. Halt zu geben, wenn alles einzufallen droht.

Liebe wird es sein, die uns Menschen wieder menschlich werden lässt.

Bleibt alle gesund, Kathrin

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